„Eggerts, wir müssen reden!“ - Heute: Organisationen ähneln sich selbst. Oder: Wenn sich das Ganze in den Teilen spiegelt
Organisationen überraschen immer wieder durch ein evolutorisches Phänomen aus Wiederholung, Variation und Selektion. Ganz gleich, ob man auf die Ebene der Schulleitung, einer Steuergruppe, eines Kollegiums oder einzelner Konferenzen blickt: Schule zeigt sich in Mustern vor. Konflikte ähneln sich, Entscheidungsdynamiken wiederholen sich, Kommunikation bezieht sich auf sich selbst. Systemtheoretisch gesprochen sind Organisationen keine Maschinen, sondern Musterproduzenten.
Ein Schlüsselbegriff, um dieses Phänomen zu fassen, ist Selbstähnlichkeit, die Teil der fraktalen Geometrie ist. Die Kochsche Schneeflocke (Bild) ist ein solches Beispiel für Selbstähnlichkeit. Ausgangspunkt ist eine einfache geometrische Figur, ein gleichseitiges Dreieck. Dann geschieht Entscheidendes: Jede Seite wird immer wieder nach derselben Regel verändert, nicht einmal, sondern unendlich oft. Komplexität entsteht hierbei nicht durch eine Vielfalt von Regeln, sondern durch endlose Wiederholung desselben Prinzips. Ein weiteres Beispiel für Selbstähnlichkeit sind die Sierpiński-Dreiecke. Hierbei entsteht aus einem Dreieck ein Muster, sodass das verbleibende Ganze dem ursprünglichen Dreieck ähnelt. In der systemischen Arbeit zeigen sie sich etwa in der Glaubenspolaritäten-Aufstellung. Diese Polaritäten tauchen in Teams und in Organisationen auf. Und das ist kein Zufall, denn die Organisation kommuniziert sich selbst.
Überträgt man diesen Gedanken organisational auf Schule, lässt sich beobachten, dass auch sie auf diese Weise funktionieren: Ein Konflikt in der Fachkonferenz einer Schule ähnelt in ihren FORMlines dem Konflikt im Schulleitungsteam, Mikroentscheidungen folgen strukturell ähnlichen (nicht identischen) Mustern wie strategische Entscheidungen. Das geschieht, weil die Organisation Kommunikationslogiken reproduziert. Die Kommunikation bringt in rhythmischer Selbstanpassung ihre eigene Struktur immer wieder selbst hervor. Man könnte auch sagen: Kommunikation orientiert immer wieder neu, was als relevant gilt, und reproduziert, was Anschluss findet - unabhängig davon, wer beteiligt ist. Selbstähnlichkeit meint hier, dass sich nicht Inhalte wiederholen, sondern die Formen der Kommunikation.
Fraktale Systeme sind zugleich hochvariabel und anpassungsfähig. Der Herzschlag eines gesunden Menschen ist nicht regelmäßig wie ein Metronom. Zu viel Ordnung wäre hier ein Zeichen von Krankheit. Übertragen auf Schule bedeutet das: Eine Schule, in der Sitzungen nach ähnlicher FORM abläuft, Entscheidungen einander ähnlich angebahnt und gelebt werden ist „gut beraten“ (von wem auch immer ;-), sich dieses Muster genauer anzuschauen. Solche Muster können kontextabhängig funktional oder eben auch dysfunktional sein.
Was bedeutet das für Schulleitungshandeln? Wenn sich Konflikte wiederholen, liegt das Problem selten auf der persönlichen Ebene. Es liegt in der Kommunikationslogik, in der Art, wie Kommunikation aufgegriffen und Anschlussfähigkeit erzeugt wird. Für viele Schulleitungen ist die Erkenntnis der Selbstähnlichkeit zunächst irritierend, dann aber entlastend: Selbstähnlichkeit macht sichtbar, warum Veränderung so schwer ist, warum gute Absichten oft folgenlos bleiben und warum Organisationen erstaunlich stabil „laufen“. Schulen als Organisationen sind also selbstähnliche Systeme, deren Stabilität gerade in der Wiederholung liegt. Leitung und auch Beratung meint also, Muster zu erkennen, die sich immer wieder hervorbringen. Durch die Arbeit an kleineren Strukturen (z.B. in Teams) können Muster auf höheren Ebenen (z. B. auf der Organisationsebene) orientiert werden. Eine Lösung auf Teamebene kann sich selbstähnlich auf die gesamte Organisation ausbreiten.
Von daher kann man das üblicherweise hierarchisch gelesene Organigramm ebenso umkehren, sodass die Unternehmensleitung den Nährboden für die Organisation liefert - und der Metaphorik gemäß das Wurzelwerk der Organisation stellt. Das „Organizational Diagram of the New York and Erie Railroad" von 1855 gilt z. B. als eines der ersten bekannten Organigramme der Organisationsgeschichte:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2b/Organizational_diagram_of_the_New_York_and_Erie_Railroad%2C_1855.jpg
Im unteren Zentrum des baumartigen Organigramms befindet sich die oberste Leitung der Organisation. Dabei ist es also nicht von oben nach unten, sondern von einem Zentrum nach außen aufgebaut. Vom Zentrum gehen mehrere kräftige Hauptlinien aus – vergleichbar mit Stämmen oder starken Ästen. Jeder dieser Hauptäste steht für einen großen Funktions- oder Organisationsbereich. Entlang jedes Hauptastes verzweigt sich die Struktur mehrfach aus einem Ast werden mehrere Nebenäste, aus diesen wiederum feinere Verzweigungen. Das Organigramm ist also kein klassisches Stufen-Schema, dennoch war die Unternehmenspraxis hierarchisch und maschinenhaft gegliedert. Das Schaubild ist also keine dezentrale Utopie, kein Beleg für frühe Selbstorganisation. Es ist aber in seiner Metaphorik für mein Thema interessant.
Randnotiz: Das Thema Fraktale bietet sich auch aus pädagogischer und schularchitektonischer Sicht an: Mit Blick auf eine z. B. wabenförmige Schularchitektur beschrieb Wilfried Buddensiek in den Neunzigern, dass sich bitte selbstähnliche und lernförderliche Gestaltungsprinzipien auf unterschiedlichen schulischen Ebenen wiederfinden mögen: vom einzelnen Tisch über den Lernraum bis hin zur Gesamtstruktur der Schule. Wilfried Buddensiek griff diesen Gedanken in seinem Buch „Wege zur Ökoschule“ auf, indem er Schule als ökologisches System versteht, das sich über wiederkehrende Muster stabilisiert. Architektur wird so nicht zur Kulisse, sondern zur mitwirkenden Struktur pädagogischer Prozesse:
https://tibortanczos.wordpress.com/wp-content/uploads/2012/11/herforder_fraktalschule.jpg
Medien-Tipp:
ARTE-Dokumentation „Fraktale: Die Faszination der verborgenen Dimension“: https://www.youtube.com/watch?v=lO1B2uA4l38
Literaturtipps:
Buddensiek, Wilfried: Wege zur Öko-Schule. AOL-Verlag 1991.
Schubert, Christian: Geometrie der Seele. Raum und Beziehung in der Psychotherapie. Vandenhoeck & Ruprecht, 2018. (eher psychologisch und sozial angelegt)