In Organisationen wird oft von Kommunikation gesprochen, doch selten wird präzisiert, welche Dimension gemeint ist. Was auf den ersten Blick kleinlich klingt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Quelle zahlreicher Missverständnisse: Denn Kommunikation im Sinne der Systemtheorie (Luhmann) bzw. erweitert im Dunstkreis von FORMWELT (Peyn) ist etwas fundamental anderes als das, was im Alltag unter interpersonaler Kommunikation verstanden wird.
Interpersonale Kommunikation meint typischerweise den Austausch zwischen Personen: Gesagtes, Gemeintes, Missverstandenes, gespickt mit Emotionen, Gestik, kulturellen Codes und situativen Kontexten. Sie ist subjektiv, beziehungsorientiert und oft eng gekoppelt an psychische Systeme, im weiteren, sagen wir, Menschen genannt.
Demgegenüber stehen Kommunikationssysteme, wie sie bei Luhmann oder Peyn beschrieben werden, als selbstreferenzielle Systeme, die nicht Menschen kommunizieren, sondern in denen Kommunikation kommuniziert. Ein System, das aus dem Unterschied von Mitteilen, Meinen und Verstehen operiert, organisiert sich nicht durch individuelle Absicht, sondern durch Anschlussfähigkeit. Was zählt, ist nicht, was gemeint war, sondern, was anschlussfähig kommuniziert wird.
Eindrucksvolles Beispiel: 1999 berichtete die Frankfurter Rundschau detailliert über sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule, doch es folgte kaum Resonanz. Erst 2007, bei nahezu identischer nochmaliger Publikation, wurde der Bericht gesellschaftlich hochwirksam. Entscheidend war nicht die Intention des Autors, sondern ob Mitteilung, Meinen und Verstehen zu einer anschlussfähigen Einheit werden. 1999 nahm das gesellschaftl. Kommunikationssystem die Thematik nicht mit, 2007 aber schon: Debatte, politische Reaktionen, institutionelle Konsequenzen.
Anderes Beispiel: Wechsel in der Schulleitung durch externe Bewerber sind bisweilen mit Irritation und Widerstand verbunden. Die neue Leitung bringt frische Ideen, möchte Partizipation stärken, Teams entwickeln. Doch das System reagiert anders: Informationen versickern, Gespräche verhallen, Initiativen laufen ins Leere.
Was passiert? Die neue Leitung trifft auf ein bestehendes Kommunikationssystem, das über Jahre gelernt hat, bestimmte Themen zu verarbeiten und andere nicht. Im Alltag wird das selten so reflektiert. Stattdessen dominieren personelle oder gruppenbezogene Zuschreibungen: „Der blockiert“, „Die wollen zu viel“.
Systemische (eher noch systemtheoretisch unterfütterte) Organisationsberatung hilft, genau das sichtbar zu machen und neu zu orientieren.
Wenn dann der Hinweis kommt, man muss die Systeme gut kennen, um anschlussfähig zu beraten, ergänze ich an dieser Stelle gerne, dass viele Schulen sich dieser hauseigenen Kommunikationssysteme oftmals gar nicht bewusst sind. Aber dafür ist Beratung ja da.
Als Gegenstück zu den oben genannten Beispielen, bei denen Kommunikation aus Meinen, Mitteln und Verstehen nicht anschlussfähig verbaut war, hier ein ebenso eindrucksvolles schulisches Beispiel von dem Medienwissenschaftler Pörksen:
Als Martha Payne mit neun Jahren begann, ihr Schulessen zu bloggen, wollte sie nur schreiben lernen. Ein Blog, ein Foto, ein Satz: „Ich bin ein Kind, das wächst… das schaffe ich nicht nur mit einer Krokette.“ Sekunden später begann eine Kettenreaktion: Twitter, Medien, Jamie Oliver, globale Resonanz. Und als ihre Schulleitung ihr das Fotografieren verbot, explodierte alles: ein digitaler Empörungssturm, Millionen Zugriffe, Spenden. Was hier wirkte, war kein klassischer Journalismus, keine politische Institution, es war ein selbstreferenzielles Kommunikationssystem im digitalen Raum, das sich im Sekundentakt an sich selbst anschloss. Die fünfte Gewalt, wie Bernhard Pörksen sie nennt, formierte sich aus dem Nichts und machte aus einem Kind eine globale Stimme. Marthas Geschichte zeigt: Kommunikation folgt heute anderen Regeln, als zu jener Zeit, da Theo Lingen in Filmen den Schulleiter mimte. Nicht wer spricht, zählt, sondern was anschlussfähig ist. Und wie schnell ein Thema Form annimmt, die weitergetragen wird. Eine neue Macht ist da. Und sie hat viele Gesichter.