„Eggerts, wir müssen reden!“ - Heute: Komplexitätsmanagement zur Selbstführung in Schule

Komplexitätsmanagement in Schule ist in Entscheidungssituationen gefragt, in denen die Frage auftaucht: „Kannst du diese Aufgabe übernehmen?“ Diese scheinbar einfache Ja-/Nein-Frage produziert Komplexität. Und Komplexität bedeutet, dass wir nicht gleichzeitig alles mit allem anderen verbinden können. Jede Entscheidung lässt etwas unverbunden. Darin liegt kein Defizit, sondern die Voraussetzung für funktionale Handlungsfähigkeit.

Das Komplexitätsmodell von Gitta Peyn hilft, solche Situationen nicht vorschnell zu vereinfachen: Dimension und Differenzierung bezeichnen zwei grundsätzlich verschiedene Arten, mit Komplexität umzugehen. Differenzierung meint das feinere Unterscheiden innerhalb einer Dimension (Achse). Es geht darum, mehr Unterschiede auf derselben Achse zu erkennen (zwischen Ja und Nein etc.). Dimensionierung hingegen bedeutet, einen zusätzlichen Blickwinkel anzulegen. Hier wird nicht innerhalb einer Ordnung verfeinert, sondern eine neue Ordnung hinzugefügt, z.B. zusätzlich zu "Ja/Nein" die Dimension "Aktion/Architektur":

„Zu dimensionieren (bedeutet), komplett andere Blickwinkel anzulegen.“ (Peyn)

Entscheidend ist dabei, dass keine der Dimensionen (siehe Abbildung) wertend gemeint ist. Weder Ja noch Nein, weder Aktion noch Architektur, weder Erwartungsklarheit noch Erwartungsdiffusion sind per se gut oder schlecht. Ihre Funktionalität entsteht ausschließlich im jeweiligen Kontext (context matters).

Beispiel: Ein Ja oder Nein ist keine binärer Angelegenheit, sondern ein Spektrum funktionaler Formen. Zwischen einem uneingeschränkten Ja und einem sachlich-klaren Nein liegen zahlreiche Varianten – vom Ja mit systemischem Ausgleichsprinzip („Ich helfe dir jetzt, du hilfst mir dafür morgen.“) über ein Ja unter der Bedingung, dass es nächstes Mal ein anderer macht bis hin zum beziehungswahrenden Nein („Ich schätze dich, aber diesmal geht es nicht.“) bzw. dem Nein mit Selbstoffenbarung („Ich merke, dass ich im Moment ausgelastet bin und keine zusätzliche Aufgabe schaffe“.

Ein bewusstes Ja kann genauso Ausdruck gelingender Selbstführung sein wie ein bewusstes Nein. Problematisch wird es erst dann, wenn Entscheidungen unbewusst, unter Druck und/oder ohne Passung zur Situation getroffen werden.

Eine weitere zentrale Dimension betrifft in meinem Beispiel die Art der Aufgabe selbst. Manche Aufgaben sind als Aktion gemeint: kurzlebig, situativ, abzuarbeiten und nach Erledigung abgeschlossen. Andere Aufgaben wirken eher architektonisch: Sie sind strukturierend, längerfristig wirksam, verändern vielleicht Abläufe. Auch hier gilt: Es ist nicht besser, an Architektur zu arbeiten, und nicht schlechter, eine Aktion zu übernehmen. Entscheidend ist, ob das eigene Ja oder Nein zur Art der Aufgabe und zum eigenen Kontext passt. So kann es funktional sein, eine Aufgabe zu übernehmen, gerade weil sie an der Architektur der Schule arbeitet - und weil jemand genau dies will.

Meine dritte hier vorgeschlagene Dimension beschreibt den Grad der Erwartung. Eine hohe Erwartungsklarheit liegt vor, wenn es einen definierte Raum aus Zeit, Ressourcen, Ziel, Rolle und Entscheidungsspielraum gibt. Sie wirkt schließender und ggf. entlastend. Erwartungsdiffusion hingegen bezeichnet Situationen, in denen Aufgaben als noch offen, nicht vollständig ausformuliert und damit ggf. als kreativ begriffen werden. Auch hier ist keine Wertung angelegt: Manche Aufgaben brauchen für mich klare Schließung, andere gewinnen für mich gerade dadurch, dass sie in gewisser Erwartungsdiffusion bearbeitet werden können.

Der entscheidende Punkt für eine funktionale Selbstführung liegt darin, Komplexität (mit diesen oder ganz andern Dimensionen) nicht zu vermeiden, sondern sich in ihr zu bewegen. Unter Stress reduzieren wir Dimensionen häufig vorschnell auf ein schnelles Ja oder Nein.

Komplexitätsmanagement bedeutet manchmal, erst langsamer zu werden, bevor wir schneller handeln.

Als Übung für den Alltag kann es hilfreich sein, vor einer Entscheidung bewusst eine Dimension mehr anzulegen, als einem aus dem Stegreif einfallen würde.

Hinlänglich bekannt ist: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.“ (nach Viktor Frankl)

Mehr zum Thema:

https://www.carl-auer.de/magazin/systemzeit/komplexitatsmanagement-modell-stufen-formen?srsltid=AfmBOopYWWwaHXqgAs7Cpl5F4JOHdW9JsU-s9IVxSVumEej7zj3Gt8Dq

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„Eggerts, wir müssen reden!“ - Heute: Organisationen in Metaphern denken

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